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Laut RTL ist Minecraft für den Selbstmord eines neunjährigen Jungen verantwortlich. Damit weiß der Sender scheinbar mehr als Polizei und Staatsanwaltschaft.

Der Boulevard-Sender RTL kann es nicht lassen. Im Oktober berichtete RTL über den Suizid eines neunjährigen Jungen aus aus dem nordrhein-westfälischen Hattingen. Dabei wollte die Reporterin auch gleich die Ursache gefunden haben: Minecraft. Das Kind habe sich das leben genommen, weil andere User im Online-Spiel nicht mit ihm hätten chatten wollen. Handfest Beweise gibt es für diese Behauptung allerdings keine. Wie eine Recherche von Übermedien ergeben hat, sehen Polizei und Staatsanwalt einen Zusammenhang zu Problemen im Spiel zwar als theoretische Möglichkeit, betrachten diesen aber keineswegs als erwiesene Tatsache. Die Polizei ermittelt noch, welche Lebensumstände Ursache für den Suizid waren. Die Essener Staatsanwältin Julia Schweers-Nassif erklärte auf Anfrage von Übermedien:

Die Ermittlungen haben zwar ergeben, dass der Junge auch an dem Tag wie gewöhnlich Computerspiele u.a. auch Minecraft spielte. Offenbar hat die RTL-Mediengruppe auf einen kausalen Zusammenhang zwischen PC-Spielen und dem Tod des Jungen geschlossen. Einen solchen kausalen Zusammenhang sehen wir zwar grundsätzlich als eine theoretisch denkbare Möglichkeit für eine Erklärung an. Belegbare Fakten haben allerdings bisher diese Erklärungsmöglichkeit nicht erhärtet.

RTL erklärte gegenüber der Seite, dass ein Zusammenhang nahe läge, räumt aber ein, dass es journalistisch nicht einwandfrei war, die Behauptung als Tatsache zu präsentieren. Man hätte lediglich ein “Problembewusstsein” schaffen wollen.

Der kausale Zusammenhang zwischen dem Mobbing beim Online-Spiel und dem Suizid liegt nahe, eine Tatsachenbehauptung ist jedoch journalistisch nicht einwandfrei. Wir haben allerdings diesen tragischen Fall eher als Aufhänger genutzt, um konstruktiv ein Problembewusstsein für Computerspiele zu schaffen. Wie bei anderen Verbraucherthemen auch, wurden dazu mehrere Experten befragt.

Doch RTL präsentierte nicht nur Spekulationen als Tatsachenbericht. Indem der Sender den markanten Vornamen des Jungen aus einer Kleinstadt nannte, erschwerte der Sender außerdem die Lage der Familie weiter. Inzwischen hat RTL den Namen aus dem Bericht entfernt. Allerdings hat das Online-Magazin einer Boulevard-Zeitung aus dem Bauer-Verlag den ursprünglichen RTL-Bericht bereits übernommen. Ein Sprecher von RTL äußerte sich dazu:

Im TV-Beitrag wurde der Vorname nicht genannt. Die Online-Redaktion hat lediglich den Vornamen des Jungen genannt. Nach Rückmeldung des Vaters wurde der Vorname sofort aus dem Text entfernt (diese erreichte uns zwei Tage nach der Veröffentlichung). Bei solchen Fällen ist natürlich ein besonders sensibler Umgang mit persönlichen Daten angebracht. Wir werden dieses Thema daher mit Blick auf die zukünftige Berichterstattung in der Online-Redaktion besprechen.

Zudem nahm RTL den Bericht zum Anlass, um vor Pädophilen in Online-Spielen zu warnen. 2016 hatte ein Pädophiler aus Düsseldorf Minecraft benutzt, um einen zwölfjährigen Schweizer zu treffen und ihn dann entführt und vergewaltigt. Reißerisch schreibt RTL darüber “Ist Minecraft ein Netzwerk für Pädophile”. Einen Zusammenhang zu dem aktuellen Fall gibt es jedoch nicht. Neben Übermedien äußerte sich auch die österreichische Tageszeitung Der Standard kritisch zum RTL-Bericht: “Deutscher Privatsender spekuliert ohne Grundlage über Zusammenhang mit Sandbox-Game” heißt es in der Online-Ausgabe.

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